Dimzēni, und bald zu Hause

Lange habe ich mich nicht gemeldet, hier auf meinem Blog. Es gab auch wirklich nicht viel zu erzählen, war eben Lockdown und Novemberwetter. Durch den Titel von diesem Blogeintrag können sich einige von euch schon denken, dass irgendwas nicht passt. Es ist zwar bald Weihnachten, aber bei den Jesuit Volunteers ist ein Besuch zu Hause während des Freiwilligendienstes nicht vorgesehen.

Ich habe mich entschieden, meinen Freiwilligendienst frühzeitig zu beenden und noch vor Weihnachten zurück in Deutschland zu sein. Zu dieser Entscheidung haben viele kleinere und größere Dinge geführt, die nicht so liefen, wie sie sollten und mir das Ankommen und Wohlfühlen hier sehr erschwert haben. Generell kann ich sagen, dass ich sowohl privat als auch in der Arbeit viel zu wenig Zeit mit Menschen verbringen konnte und viel alleine war. In der Arbeit hat mir außerdem eine Anleitung gefehlt, ich war sehr auf mich allein gestellt. Es hat sich keine richtige Routine ergeben und allgemein konnte ich mich nicht richtig einleben, da es dort meiner Meinung nach einfach ein bisschen an Teamwork und Gemeinschaftsgefühl unter den Kollegen mangelt. Vielleicht eignet sich der Ort einfach generell nicht ganz für einen internationalen Volunteer. Da ich die erste Freiwillige in dieser Einsatzstelle bin, war es für alle neu und vielleicht nicht ganz durchdacht.

In meiner Wohnung habe ich mir eigentlich viel Gemeinschaft vorgestellt, und um alleine in einem neuen Land Fuß zu fassen, ist das meiner Meinung nach auch notwendig. Ich fand es also super, dass die Gemeinschaft bei JV so einen großen Stellenwert hat. Umso enttäuschender war es, als ich gemerkt habe, dass in unserem Wohnheim absolut kein Gemeinschaftsleben stattfindet. Ich habe auch versucht, das vielleicht ein bisschen zu ändern – in unserem kargen Wohnzimmer steht jetzt zum Beispiel ein gelbes Sofa, eine Stehlampe und ein Couchtisch. Aber das hat natürlich auch nicht den großen Unterschied gemacht, im Gegenteil: irgendwann hab ich dann noch herausgefunden, dass gar kein Besuch erlaubt ist in unserem Wohnheim. Mein Plan, mal meine lettische Freundin auf einen Kaffee einzuladen, war damit also auch wieder dahin.

Ich hatte absolut nicht in Erwägung gezogen, meinen Freiwilligendienst abzubrechen, trotz der Schwierigkeiten und des Lockdowns, der ja dann noch obendrauf kam. Tatsächlich hat mein Mentor mir vorgeschlagen, abzubrechen (obwohl ich mir von ihm Unterstützung erhofft habe). Ich habe ihm daraufhin erklärt, dass ich weitermachen und optimistisch bleiben möchte. Doch dann war die Luft eine Woche später plötzlich endgültig raus, und mein Bauchgefühl hat mir gesagt, dass es genug ist. Keine Energie mehr übrig, keine Motivation und Neugier. Einfach alles aufgebraucht. Ich hatte so viel investiert, um meine Situation besser zu machen und das Beste raus zu holen, aber sehr wenig zurück bekommen, um meine Energie wieder aufzuladen. Natürlich fühlt sich an so einem Tiefpunkt alles nochmal schlimmer und auswegloser an, als es sowieso schon ist. Deshalb habe ich mir eine Auszeit genommen, um über alles nachzudenken und bin so schnell wie möglich aus der Stadt abgehauen.

Schwester Hannah kennt die Besitzer einer kleinen Farm namens Dimzēni auf dem Land, ca. 70km südwestlich von Riga. Als ich ihr meine Situation erklärte, rief sie abends um 21 Uhr bei Inga an, die mit ihrem Mann, ihren Kindern und zwei Freunden in Gemeinschaft auf der Farm lebt. Zehn Minuten später war geklärt, dass ich am nächsten Tag nach Dimzēni fahren werde, für ein paar Tage, oder auch länger. Ich wurde am Bahnhof in Jelgava abgeholt, und von dort war es noch ungefähr eine halbe Stunde Fahrt bis zum Bauernhof. Es war zwar sowieso schon dunkel als ich mit dem Zug ankam, wurde aber auf der Fahrt immer noch dunkler, je weiter wir aus der Stadt raus und in die Pampa fuhren. Ich konnte nur schemenhaft die Bäume und Felder erkennen. Obwohl ich nicht wirklich wusste, wo es hingeht und die Leute überhaupt nicht kannte, hat es sich unfassbar gut angefühlt irgendwo ins nirgendwo zu fahren, wo Natur, Tiere und mehr Gemeinschaft auf mich warten.

Jetzt bin ich schon seit einer Woche auf Dimzēni. Ich habe zum ersten Mal Ziegen gemolken und gehütet, und deren Milch steht jeden Morgen auf dem Frühstückstisch. Auch sonstige Nahrungsmittel werden hier zum größten Teil selbst hergestellt und angebaut. Die Familie möchte den traditionellen lettischen Lebensstil auf dem Land aufrecht erhalten, und Menschen die Möglichkeit geben, diesen zu erleben. In dem sehr alten, großen Bauernhaus wird nur mit Kachelöfen geheizt und in der Küche gibt es kein fließend Wasser. Außer dem sehr einfachen und bewussten Lebensstil spielen Gemeinschaft, Glaube und Musik eine große Rolle. In den Sommermonaten verbringen hier viele junge Freiwillige ihre Zeit und arbeiten auf dem Hof mit, aber auch sonst steht die Tür immer Gästen offen. Außer den Ziegen wohnen hier ein Pferd, drei Katzen (Stripiņa, Čaks und Norris) und ein Hund namens Lapsa (lett. Fuchs).

Die Familie hat mich sofort in die Gemeinschaft aufgenommen, so als würden wir uns schon ewig kennen. Ich habe mich von Beginn an wohl gefühlt und es war ziemlich schnell klar, dass sie mich auch länger hier behalten würden. Also vielleicht auch meine restlichen 9 Monate vom Freiwilligendienst? Mir war und ist auf jeden Fall klar, dass ich nicht zurück möchte nach Riga. Ich habe keine Energie, dort nochmal irgendwas Neues anzufangen, eine neue Arbeit oder eine neue WG. Und damit es mir besser geht, müsste sich beides ändern. Ich kann trotz allem sagen, dass ich dort viele sehr liebe Menschen kennen lernen durfte, und mit einigen werde ich bestimmt Kontakt bleiben. Viele haben versucht, mich zu unterstützen, auch das Team von Jesuit Volunteers natürlich – aber manchmal klappt es trotzdem einfach nicht.

Meine ersten Tage hier auf der Farm hab ich also den Gedanken gewälzt, ob es in Riga wohl nicht funktionierte, damit ich jetzt hier auf der Farm lande und dort in Gemeinschaft einer lettischen Familie meinen restlichen Freiwilligendienst verbringe. Doch auch hier müsste ich natürlich wieder versuchen, mein eigenes Leben aufzubauen. Vor allem wenn man in einer größeren Gemeinschaft lebt und viel Zeit miteinander verbringt, ist das wichtig, ansonsten geht man sich irgendwann auf die Nerven. Da hier aber der Winter gerade mal beginnt und wir uns irgendwo im Nirgendwo befinden, wäre das schwierig und auch mein Bauchgefühl sagt mir ganz eindeutig, dass das jetzt nicht das Richtige ist. Ich werde aber auf jeden Fall hierher zurück kehren, hab den Ort und die Menschen schon lieb gewonnen. Spätestens zum Johannisfest (Jāņi – das lettische Mittsommerfest) am 23. Juni würde ich gerne wieder hier sein.

2 Gedanken zu “Dimzēni, und bald zu Hause

  1. Ich finde es sehr beeindruckend, wie du mit der Situation umgehst. Es ist nicht leicht, sich einzugestehen, dass manche Dinge oder Situationen einem nicht guttun und daraus eine so große Entscheidung treffen zu müssen. Ich bin so stolz auf dich und das was du dort geleistet hast! Nicht jeder hat solch eine Stärke, so viel aus den schweren Zeiten mitzunehmen und sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Fühl dich gedrückt ❤
    And remember: „Everything happens for a reason.“ (sehr Klischee, aber manchmal passen Kalendersprüche doch ganz gut :P)
    See you soon!
    Deine Eli 🧡

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